Worte haben ihren Wert: Ein Plädoyer für professionellen Journalismus

Früher war alles besser? Manchmal schon. Beispiel Printmedien: Bis vor einigen Jahren gab es bei Tageszeitungen noch feste Ressorts mit vielen Journalisten, die sich in ihrem jeweiligen Fachgebiet bestens auskannten. So wusste der Sportreporter, warum der Bundesligist A aktuell so schlecht spielt, die Kultur-Kollegin konnte auch morgens um drei Uhr die Besonderheiten der Beuys’schen Fettecken erläutern, und der Mann von der Wirtschaftsredaktion fühlte dem Chef des örtlichen börsennotierten Unternehmens gezielt und kundig auf den Zahn – weil er sich auskannte.

Das hat sich grundlegend geändert. Zwar erscheinen die Ressorts vieler Tageszeitungen noch unter ihrem jeweiligen Titel. Die Fachleute für die einzelnen Abteilungen sitzen, so sie nicht selbst weggekürzt wurden, heute aber vielfach an einem großen Tisch – dem so genannten Newsdesk. Und die Redaktionen dahinter sind vielfach ausgedünnt. Kaum ein Verlag, kaum eine Redaktion, die sich nicht mit einem zentralen Newsroom brüstet. Doch allen wohlklingenden Begründungen aus dem Mund der Verlagsmanager und Chefredakteure zum Trotz: Newsdesks gibt es nicht deshalb, weil Journalisten so gerne beieinander hocken und die Beiträge durch Teamwork besser werden. Sondern schlicht aus Zeit- und Kostengründen. Und oft genug kommt es vor, dass sich die Desk-Leute untereinander vertreten müssen – ressortübergreifend und bisweilen in fremden Gefilden. So mutiert der Sport-Experte zum Kultur-Beauftragten, der Wirtschaftler zum Mann fürs Vermischte – und umgekehrt.

Zeitungen als Geschäftsmodell sind problematisch geworden, seit das Anzeigenschäft (immerhin brachte das mal zwei Drittel der Erlöse) ins Internet gewandert ist. Und auch dort geblieben ist – meist ohne Mitwirkung der Verlage. Weil viele Zeitungen angesichts wegbrechender Einnahmen drastisch sparten, vor allem am Personal, litt auch die journalistische Qualität. Folge: Immer mehr Leser bestellten ihr Heimatblatt ab. Und lesen stattdessen auf kostenlosen Internetseiten, was in der näheren und weiteren Welt passiert.

In den oftmals verkleinerten Redaktionen an und hinter den Newsdesks steigt derweil der Arbeitsdruck. Immer mehr Inhalte für Print und Online in immer kürzerer Zeit mit immer weniger Personal – wie soll das funktionieren? Kein Wunder, dass viele Zeitungen und Verlage am Stock gehen.

Nun könnte man als leidenschaftsloser Zeitgenosse einwerfen: Was ist bitteschön daran schlecht? Alles, was ich lesen will, finde ich doch im Internet!

Das genau ist das Problem. Es ist nicht gut, wenn …

… von zehn News-Treffern bei Google neun aus derselben Quelle (meist eine Agenturmeldung) stammen,

… Redakteure heute binnen einer Stunde im Copy-and-paste-Verfahren aus vorhandenem Material und ohne Eigenrecherche mal eben einen Aufmacher stricken müssen

… kaum noch Zeit bleibt, News auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen

… es zur Ausnahme wird, mit Ruhe und Sorgfalt exklusive und vor allem interessante Geschichten zu recherchieren und „wasserdicht“ zu schreiben.

Guter Journalismus ist harte Arbeit, und die muss auch entsprechend honoriert werden. Finanziell, zeitlich, personell. Und durch Konsumenten und Leser, die bereit sind, für gute Qualität zu zahlen. Andernfalls gehen Meinungsvielfalt und –freiheit verloren. Dafür braucht es noch nicht mal eine wie auch immer geartete „Lügenpresse“.

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