Führung und Führungsverantwortung

Die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und ich sind in vielen politischen Dingen konträrer Meinung. Offensichtlich aber gibt es eine größere Schnittmenge übereinstimmender Einschätzungen in Bezug auf Führungsverantwortung und Ursachen von stinkendem Fisch, als ich jemals angenommen hätte.

Der Fisch stinkt nicht immer am Kopf

Ursula von der Leyen hat in einem Interview am 30.04.2017 (ausgestrahlt im ZDF) über ein Haltungsproblem, Führungsschwäche und falsch verstandenem Korpsgeist in der Bundeswehr gesprochen. Ursachen für diese ihre Äußerungen waren die Vorfälle in Pfullendorf, Sondershausen und dem jetzt bekannt gewordenen Doppelleben des Offiziers und Asylbewerbers.

Ob, wann und wie die Bundeswehr diese üblen Missstände hätte stoppen können, ist hier nicht Thema. Genauso wenig wie die Frage nach der Übernahme der politischen Verantwortung und noch weniger die Analyse der Motive derer, die sehr schnell in der Zuordnung waren, dass alles ein Zeichen schlechter Führung und nicht vorhandener Verantwortungsübernahme sei.

Thema hier hingegen sind genau diese Grundzüge einer bewussten Übernahme von Führungsverantwortung in einer Krisensituation und deren Adaption in das Portfolio von Führungskräften in Wirtschaft und Unternehmen.

Anhand von der Leyens Interview und ihres nachfolgenden offenen Briefes lassen sich Führungskriterien ableiten, die zum Standardprogramm eines jeden Führungsverantwortlichen der ersten oder zweiten Reihe gehören müssen. Sie basieren just genau auf den momentan aktuellen Keywords der Annahme von Führungsverantwortung, von Vorbildwirkung und Übernahme von Konsequenzen.

Selbstverständlich birgt jedes öffentlich zur Schau gestellte Führungsverhalten ein immenses Potenzial, über Führung und Bewertungen von ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ fassbarer zu sprechen. Das ist auch gut so, denn es erleichtert uns Unternehmensberatern die Arbeit mit Führungskräften ‚in echt‘ um einiges. Aus diesem Blick heraus ist das Beispiel von der Leyens ein hervorragendes: Es lassen sich theoriekonform und stringent Ursache von und verantwortlicher Umgang mit Führungsfehlern trennen.

Die Ursachen für Missstände, inoffizielle Strukturen, falsch verstandenem Korpsgeist, Furcht, die in Schweigen oder sogar Verschweigen mündet, uvm. werden neben einer hohen Zahl struktureller Mängel auch in unklarer oder fehlender Führung liegen. Dafür sind Verantwortliche zu finden, dafür muss Verantwortung übernommen worden. Nicht einfach so und per se, sondern zielgerichtet auf Klärung und Fehlerabbau. Das wird passiert sein, zum größten Teil noch passieren, war aber nicht Inhalt von der Leyens Aussage.

Ursula von der Leyen mit der größtmöglichen Verantwortungsübernahme

Ursula von der Leyen thematisiert Probleme beim Umgang mit den Missständen als solchen, beim Abbau von Verhaltensblockaden und beim Umsetzen geplanter Changeprozesse, weil deren Umsetzung aktiv verhindert werden. Sie benennt deutlich, was vorhanden ist und lässt in Grundzügen ihre Fehleinschätzung über die Breite und Tiefe vorhandener Missstrukturen erkennen.

Auch das ist gut so, denn: Stellen Führungskräfte fest, dass initiierte Changeprozesse nicht im erhofften Maße oder vielleicht sogar gar nicht zum Erfolg führen, dass alle Prozesse verpufft, verhindert oder fehl gelaufen sind und darüber hinaus sich bei der internen Prüfung noch viel größere Desaster in der Unternehmenskultur feststellen lassen, ist die Benennung dieser Umstände die größte Verantwortungsübernahme, die in diesem Moment geschehen kann.

Niemand sagt, dass diese Erklärung einer Führungskraft das Ende ihrer Verantwortung sei; auch von der Leyen nicht. Es ist das Öffnen auf das, was der interne Blick mit Erschrecken festgestellt hat; nicht mehr und nicht weniger. Es betrifft auf keinen Fall alle im Unternehmen Beschäftigte. Es handelt sich auch nicht um eine Generalverdammung aller Soldaten. Es bringt die Führungsverantwortliche in einen Handlungszwang – denn jetzt ist der Missstand öffentlich gemacht. Und es zeigt deutlich, wer die Verantwortung durch Handeln übernimmt.

Erinnern wir uns doch, welchem großen Vorwurf sich Martin Winterkorn im Handling des VW-Abgasskandals zu Recht stellen musste: dem des Schweigens, des Vertuschens, des Abwartens. Transportiert auf die Führungskriterien wurde ihm vorgeworfen, keine Verantwortung für den Umgang mit Missständen übernommen zu haben.

Empfehlung für Führungskräfte

Daraus lässt sich eine Empfehlung ableiten: Zu einer guten Führungskraft gehört der offene, klare und direktive Umgang mit Missständen. Das zeugt von Verantwortungswahrnehmung und Verantwortungsübernahme, denn: Das kann in die eigene Demontierung führen.

Und deswegen fängt dieser Fisch nicht am Kopf an zu stinken. Eigentlich duftet er.
(Foto: Sergey Kohl / Shutterstock.com)