Macht und Emotionen

In die Rollenbeschreibungen von Mitarbeitenden und Führungskräften hat sich etwas Gemeinsames geschlichen. Und dabei meine ich nicht ein übergeordnetes Ziel wie die Befeuerung des Unternehmenserfolgs. 

Auffallend ist vielmehr die Betonung der Wichtigkeit von kommunizierten Emotionen und authentischem Zeigen der eigenen Gefühle. So, wie es sich anhört bzw. liest in einschlägiger Ratgeberliteratur, scheinen dies die Fertigkeiten zu sein, die als emotionale Intelligenz gelten und die zu den (neuen) Erfolgsfaktoren in der beruflichen Rolle gehören.

Nicht selten werden Emotionen als Gegenentwurf zu hierarchisch-autoritärer Macht (aus Mitarbeitersicht) oder als Transmitter für funktionierendes Lean Management (aus Führungskräftesicht) als Allheilmittel benannt. Kommen wir doch so alle schneller und authentischer an unser eigenes Ich, sind näher bei uns – jeder für sich allein – und damit immuner gegen Machtmissbrauch durch Kollegen und/oder den Vorgesetzten. Denn: Auch die Kollegen und der Chef bewegen sich in ihren Emotionen immer in ihrem eigenen Bedürfnisrahmen und nehmen daher den des anderen besser wahr: Teamgeist und flache Führung ohne Macht. So die vorherrschende Theorie und Argumentationskette in einschlägiger (Fach)Literatur.

Organisationen leben durch das Zusammenspiel der Einzelnen – mit bestimmten Regeln der Emotionsarbeit.

Ich habe nichts gegen Emotionsarbeit. Ich empfinde sie als gut und notwendig. Und dabei besonders 1. das situationsadäquate Zeigen und Nichtzeigen von Gefühlen und 2. das faking in good faith, das Darstellen von Emotionen, die man nicht hat, von denen man aber annimmt, dass sie dem Gegenüber just in dieser bestimmten Situation gut täten.
Das Zulassen, das Erkennen und der richtige Umgang mit Emotionen gehören zu den Grundkompetenzen im beruflichen Miteinander, die das effektive Ineinandergreifen der Ressourcen in einem Unternehmen gängiger machen. Gerade in Bezug auf faking in good faith und die Abgrenzung zu faking in bad faith gibt es ausreichend Studien, die belegen, dass das erstere signifikant negativ mit emotionaler Erschöpfung korreliert (Allen et al. 2010 1).

Kommen wir nun zu dem, wie Emotionen im Berufsalltag heute in der falsch verstandenen Emotionsarbeit angewandt werden:

Emotionen sind zu einem Machtinstrument geworden.

Zu einem Machtinstrument mit einer enormen Wirkkraft, da sie beim Gegenüber zu einer ohnmächtigen Starre führen können. Und Ohnmacht führt immer zu einer Handlungsunfähigkeit und damit zu einem Stillstand in der Weiterentwicklung.

Männer, die auf Ziegen starren. Kollegen, die auf Gefühle starren.

Wenn ich von Ohnmacht infolge von Gefühlen spreche, meine ich nicht die Ohnmacht, die wir alle beim Zeigen von Gefühlen, die Trauer oder Hilflosigkeit ausdrücken, empfinden. Tränen machen in vielen Fällen: hilflos, ohnmächtig, mitleidig fließend…. (Deshalb gibt es übrigens auch 2 verschiedene Kommunikationskursangebote zum Thema Umgang mit Tränen: „1. Wie ich meine plötzliche Tränenflut stoppe“ und „2. Wie ich meine Tränenflut bewusst plötzlich einsetzen kann.“).
Ich meine auch nicht die Ohnmacht, die wir alle kurz oder länger spüren, wenn wir gespiegelt bekommen, dass wir jemanden verletzt haben. Das passiert, das ist nicht gut, dafür kann sich jeder, dafür müssen wir uns entschuldigen. Das tun wir, das lehren wir in unseren Coachings oder Kommunikationstrainings.

Emotion: ein machtvolles Knockout-Argument

Was ich meine, ist die Tatsache, dass sich Gefühle in der beruflichen Kommunikation  zu einem Knockout-Argument entwickelt haben; Knockout für denjenigen, der dem Gefühlsinhaber und –zeiger gegenüber steht bzw. sitzt.

Gute Kommunikationstrainings unterstützen die Klienten dabei, die Balance zu halten zwischen dem, was Arbeitgeber, Organisation und Struktur von einem Arbeitnehmer erwarten, und dem, was das eigene empathische Umgehen mit diesen Anforderungen mit Blick auf die eigenen Werte und Vorstellungen zur Verfügung stellen kann.
Wenn ich hier von Balanceakt spreche, bin ich schnell bei dem Bild einer Wippe. So einer, wie wir sie alle aus dem Kindergarten kennen: Ein Schwerpunkt, auf der die Wippe lagert, und zwei Menschen an den jeweiligen Enden des Brettes, die die Wippe im Gleichgewicht halten müssen.

Knockoutende Emotionen auf der Wippe

Die beiden Menschen in ihren beruflichen Rollen balancieren die Anforderungen des Unternehmens mit ihren eigenen jeweiligen Werten und Kompetenzen aus (s.o.); ob Kollegen auf gleicher Augenhöhe oder Mitarbeiter und Vorgesetzter ist hierbei unwichtig: Wippen verschieben ihren Schwerpunkt je nach „Belastung“ (Hierarchierang) an den Enden.
Emotionen werden von beiden im optimalen Fall sowohl bei ihnen selbst, als auch beim anderen wahrgenommen; sozusagen als wichtiges Signal über die potenzielle Bedeutung einer Situation. Eine wahrgenommene Signal-Emotion wird bei wertschätzender Kommunikation in eine Sachebene transformiert, die ziel- und lösungsorientiert in eine Sprache übersetzt wird, bei der es nicht um die Emotion, sondern um das berufliche Fachproblem, die berufliche Thematik geht.

Knockoutende Emotionen in einem Gespräch im beruflichen Kontext machen nun Folgendes:
Macht durch Emotionen setzt Emotionen zum Thema, in den Mittelpunkt, sozusagen von der einen Seite der Wippe, zu der sie gehören, auf den ausbalancierten Schwerpunkt der Wippe – und damit raus aus der Balance, rein in die Mitte mit der logischen Folge, dass die Wippe kippt.

Gehen wir mal weg von den Wippen und hin zur beruflichen Kommunikation. Die Verschiebung der Emotion in den Mittelpunkt hat zur Folge, dass es nicht mehr um Sach- und Fachthemen geht, deren Brisanz und Besonderheit jedem einzelnen Kommunikationsteilnehmer durch Emotionen bewusst werden können. Auf einmal geht es nur noch um die Emotionen selbst – ohne weitere Beachtung und ohne Bezug zum eigentlichen beruflichen Thema.

Und da bin ich bei meinen knockoutenden Emotionen: Als letztes Argument in einer Kommunikation das „Ja, aber: Ich fühle nun mal so, dass Sie… (hier frei und je nach Bedarf beliebig einsetzbar: überfordert sind, nervös sind, das nicht schaffen werden, mich missachtet haben… oder: dass ich klein bin, nicht gesehen werde…. )“ zu setzen, schafft es, eine berufliche Kommunikation zu Boden gehen zu lassen. Der eine Wippe-Partner verliert die Balance und fällt herunter. Wobei ich hier bewusst offen lasse, welcher der beiden Wippe-Partner: die Balance verlieren beide.

Daher in diesem Sinne: Keine Zeit für Gefühle, Kollege. Bleiben wir doch beim Sachthema.

  1. Allen, J. A., Pugh, S. D., Grandey, A. A. & Groth, M. (2010). Following display rules in good or bad faith? Customer orientation as a moderator of the display rule-emotional labor relationship. Human Performance, 23, 101-115
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